Freitag, 8. Juli 2011

Zu den Wehrtürmen strömen die Touristen…


Noch sehr begeistert vom Aufenthalt in Kazbegi, ging es fast genau 2 Wochen später wieder in den großen Kaukasus. Dieses Mal führte mich der Ausflug nach Mestia, einer kleinen Stadt hoch oben in Swanetien.


Swanetien ist aufgrund seiner Lage noch sehr unberührt. Es erstreckt sich im Nordwesten des Landes nahe Abchasiens quer über das Massiv des Kaukasus. Mestia ist die Hauptstadt der Region und befindet sich in dessen Herzen auf 2200 m Höhe. 


Dort hoch muss man auch erstmal kommen. Mit einem Opel Vectra quälten wir uns die endlos gewundenen Straßen zu unserem Ziel entlang. Leicht übermüdet nach einem kurzen Zwischenstopp in Zugdidi, wieder bei Ratnas Familie, mit ca. 3 Stunden Schlaf, genossen wir die atemberaubende Aussicht. Grün soweit das Auge reicht. Die Natur konnten wir besonders bei unseren Pannen gut bestaunen: Schon auf dem Weg nach Zugdidi hatte wir eine Reifenpanne. Die Straße zwischen Gori und Kutaisi war wegen Überflutungen gesperrt, so mussten wir durch den Norden Imeretis. Auf dem Weg nach Mestia hatte dann unser Kühlwasserschlauch ein Leck, aber wieder schafften wir es dank der Hilfe netter Georgier schnell weiter.


Die Region Swaneti ist bekannt für ihre Wehrtürme, die rund um Mestia + Dörfern zu finden sind. Swaneti war schon immer ein schwer erreichbares Gebiet gewesen, sodass es wenige Kriege mit anderen Völkern hatte. Vielmehr waren Streitigkeiten zwischen Familienclans vorherrschend, sodass jede Familie einen Wehrturm für Kampfzeiten besaß. Dort flüchteten sich vor allem die Frauen und Kinder hinein bzw. dienten die Türme auch der eigenen Verteidigung. Sie besitzen dünne, schlitzartige Fensterlöcher, aus denen mit Pfeil und Bogen geschossen oder im Notfall auch mal mit Steinen geworfen wurde. 


In Mestia selbst sind heute noch 41 solcher Türme erhalten. Diese werden nachts künstlich beleuchtet und sind zusammen mit einem klaren Sternenhimmel wunderschön. Wir kamen allerdings am Tag an und verschafften uns erstmal einen Überblick über das kleine Städtchen mit seinen Geländewagen (der Opel Vectra fiel echt auf), Kühen und Straßenhunden. Eigentlich ein netter kleiner Ort, wären da nicht die ganzen Touristen und die Reaktion der Einheimischen auf diese. Seit letztem Jahr wird überall in Georgien Werbung für Mestia gemacht und es als der Touristenort im Kaukasus angepriesen. Ebenfalls wurde der Flughafen dort wieder eröffnet. Guesthouses und Hostels sprießen wie Unkraut aus dem Boden. Praktisch für alle Reisenden, den Swanen selbst scheint es aber nicht wirklich zu gefallen. Eine große Offenheit wie in den meisten Teilen Georgiens erlebten wir hier nicht. Kein Wunder, wer hat auf so viele Touris schon unbedingt Lust?


Trotzdem machten wir uns ein paar schöne Tage dort oben mit leckerem Essen und spazieren gehen. Das richtige Wandern fiel für dieses Mal leider flach, da ich ab dem zweiten Tag krank im Bett lag (ja, sehr selten hier ;-)). Die Rückfahrt war in Kombination mit meinem Gesundheitszustand auch sehr interessant: Gegen 6 Uhr fährt die einzige Marschrutka von Mestia runter nach Zugdidi und weiter nach Tbilisi. Am Morgen unserer Abreise allerdings nicht, so viel wie ich Verstand wegen Krankheit des Fahrers. So organisierte uns unsere Guesthousebesitzerin mithilfe einiger georgischer Männer noch in aller Frühe eine Marschrutka runter nach Zugdidi, in der Schlafen aber wegen der schlechtausgebauten Straßen doch recht schwierig war. In Zugdidi ging es dann auch gleich in die nächste Marschrutka weiter nach Tbilisi, welches wir trotz Umleitung in nur 3 Stunden erreichten. Unser Fahrer musste vorher Rennfahrer gewesen sein, so viele und waghalsige Überholmanöver habe ich noch nie gesehen. Aber wir kamen heil zuhause an und konnten uns vom Urlaub erstmal erholen. ;-)


Mein Fazit zu Mestia: Mestia ist ein echt schönes Städtchen in toller Natur und angenehmen Klima. Die Wehrtürme sind ein echtes Highlight. Doch merkt man leider deutlich, dass es wieder ein künstlich geschaffenes Touristenparadis ist, was gegen den Willen und zum Leid der Einheimischen geschah. Das nimmt dem Ort natürlich erheblich den Charme. Ich bleibe ein Fan von Kazbegi mit netten und glücklichen Menschen, einem schönen Felsmassiv und wenigen Touristen. :-)


Alle Bilder dazu HIER.

Sonntag, 3. Juli 2011

"Riecht wie in Österreich" ... Kazbegi 2.0

Besuchszeit im Juni: Pünktlich zum Sommeranfang kam für mich wieder Besuch aus Deutschland und brachte die Sonne mit. Die will natürlich auch genutzt werden. Der Plan war, ab mit dem Flugzeug nach Mestia. Aber wie immer in Georgien wird es mit Plänen nichts. Für mich war die Sonne zwar angekommen, aber der große Kaukasus im Westen des Landes hatte davon noch nichts mitbekommen. Wegen schlechten Wetters fielen 2 Wochen lang die Flüge aus. Also blieb nicht mehr viel auf der Höhe übrig, so entschlossen wir uns für Stepanzminda. 

Kazbegi von oben
Stepanzminda (auch bekannt als Kazbegi) liegt auf 1700m mitten im Kaukasus und ist nur durch die georgische Heeresstraße (Verbindung Georgiens mit Russland) erreichbar. Stepanzminda bekam ursprünglich seinen Namen nach dem Märtyrer Stephanus: Stepan ist klar, zminda = heilig. Im 20. Jahrhundert wurde die Stadt dann nach dem bekannten georgischen Schriftsteller Aleksandre Qasbegi umbenannt. Auf Straßenschildern findet man meistens jedoch immer noch den Namen Stepanzminda. 

Samebakirche
Und genau solche Schilder führten uns in der Marschrutka zu drei Tagen mitten im Kaukasus bei frischer Luft, Ruhe und toller Natur. Wie gesagt, ich war schonmal in Kazbegi, doch damals schafften wir es leider nicht zur Samebakirche hoch über Gergeti, von der alle Georgier zu schwärmen. Also stand natürlich als Erstes eine Wanderung dorthin auf dem Plan. Die Informationen zur Dauer der Wanderung  waren allerdings sehr unterschiedlich:
Die nette, alte Frau, bei der wir unterkamen (Luisa, geschätzte 100 Jahre alt, herzensgut und deutschsprechend) erzählte von 2 bis 3 Stunden, ein deutschsprachiger Reiseführer sprach von 4 Stunden, der Lonely Planet besagte 1,5 Stunden und Informationen von anderen Deutschen hier lauteten 30 min. Also liefen wir einfach mal drauf los. Meine Kondition war ja schon vor meiner Zeit hier in Georgien unsagbar schlecht, aber seit ich hier keinerlei Sport mehr mache, ist von Kondition nicht mal mehr zu sprechen. Etwa 2 bis 3 Stunden dauerte schließlich die Wanderung mit geschätzten 20 Pausen, vom kurzen Hinsetzen am Rand bis zum Picknick auf der Wiese, man kann den Weg dehnen. ;-)
Regen auf fast 2500 m abwarten
Total glücklich kamen wir schließlich bei der Kirche an, die ja auf Bildern immer so idyllisch wirkt. In unserem Panorama störten da etwas die 30 cm tiefen Furchen die Jeepkarawanen mehrmals täglich in die weite Wiese vor der Kirche fahren. Trotzdem wollte ich mir das Bauwerk mal anschauen, man hat sich ja nicht umsonst auf 2170 m gequählt. Als Belohnung gab es am Eingang auch gratis Röcke und Kopftücher zum kurzzeitigem Gebrauch während des Aufenthaltes in der Kirche. Ich muss dazu sagen, dass nicht überall in Georgien in den Kirchen Kopftuchpflicht herrscht, es ist eher selten. Dass mir ein Rock gereicht wurde, war sogar das erste Mal.
Wetter in den Bergen
Durch das erste Erfolgserlebnis angestachelt, raffte ich mich auch noch dazu auf, weiter zum eigentlich geplanten Ziel zu wandern, dem Gergeti Gletscher. Da wir zu faul waren, den ausgewiesenen Weg (irgendwo schlängellinienförmig durch den Wald) zu nehmen, erklommen wir den ersten Anstieg direkt quer Feld ein zwischen kauenden Kühen hindurch. Oben angekommen, überraschte uns nach der brennenden Sonne plötzlich ein sturzflutartiger Regenschauer. Schutz davor boten uns ein Vogelarteninformationsschild in Kombination mit einem kleinen Regenschirm. Unter Schild und Schirm hockend warteten wir nun wieder auf die gewohnte Sonne. Sie ließ zum Glück auch nicht lange auf sich warten, sodass ich weiter Richtung Ziel kriechen konnte. Und tatsächlich: Wir haben es geschafft! Voller Stolz hielt ich auf der Wiese vor dem Gletscher erstmal ein Nickerchen, während mein Besuch auf den Schnee zustürmte und freudig einen Schneeball formte. Das ist Anfang Juni ja auch etwas Besonderes. Auf unserer Wanderung war vor allem der Weg das Ziel, so hielten wir uns nicht lange am Gletscher auf, sondern wanderten glücklich, stolz und leicht erschöpft zurück Richtung Bett und Dusche. Die drei Tage in Kazbegi waren echt schön, insgesamt mit noch mehr kleinen Wanderungen, Sonne genießen, klettern, Kühe beobachten und es sich einfach mal gut gehen lassen, geprägt durch meine sich ständig wiederholende Feststellung: „Hier riecht es nach Kuhmist, ist ja fast wie sonst in Österreich. Schön!“ ;-)
Erholung am Gletscher

Nicht nur wir waren wandern.
Noch eine ergänzende Warnung zum Schluss, wo wir gerade bei Gerüchen waren (hat jetzt nichts mit Österreich zu tun ;-)): Man sollte im Sommer eher nicht mit der Marschrutka in den Bergen unterwegs sein. Nicht selten steigen georgische Bauern, die auf ihren Dörfern nicht über fließendes Wasser oder Deo verfügen. So erging es auch uns. Ich habe noch nie so eine eklige Kombination aus Käse-, Fisch- und Schnappsgeruch gemischt mit Schweiß und Tiermist gerochen. Also Vorsicht! Am besten mit Schnupfen verreisen. ;-)

Alle Bilder gibt es HIER.